Pedro Wirz

Tropical. Vom Zeigen und Sehen

29. Juni – 24. August 2013

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Künstler sind heute vielfach als Kuratoren gefragt. Zugleich verstehen sich die Kuratoren verstärkt als Co-Produzenten der Künstler. Diese neue Gemengelage in den Rollenbildern nimmt der Brasilianer Pedro Wirz als Ausgangspunkt für seine Ausstellung im Dortmunder Kunstverein: Er beauftragte neun Kuratorinnen, in kurzen Texten die eigene Person zu beschreiben sowie ihre Lieblingsskulptur und ihr Lieblingsbild, ohne deren Titel zu nennen. Die Texte übersetzte Wirz, übergab sie Kunsthandwerkern in seiner brasilianischen Heimat und  beauftragte sie wiederum, die Beschreibungen in Zeichnungen, Malereien und Skulpturen umzusetzen. So gestalteten die Figureiras de Taubaté - eine Vereinigung traditionell arbeitender Kunsthandwerker aus Taubaté, São Paulo - eine Reihe moderner und zeitgenössicher Skulpturen, die in ihrer Gestaltung allerdings auf ihre eigene, traditionelle Motivik zurückgreifen. Die figurativen Gemälde stammen von Lenice Lopes da Silva, der früheren Kunstlehrerin von Wirz und lokaler Größe im Feld der naiven Malerei. Ihr Mann Hasael da Silva gestaltete die nicht-gegenständlichen Malereien im expressiven Duktus. Den Zeichnungen nach physischer Beschreibung, nahm sich Aderbal Jeronimo dos Santos Junior an und fertigte so Porträts der neun Kuratorinnen.

Für die Ausstellung Vom Zeigen und Sehen. Pedro Wirz: Tropical entwirft der in Basel lebende Künstler ein Display, das auf alltagstypische brasilianische Souvenirshops, Bambusdekorationen und Möbel zurückgeht. Ironisch bespiegelt Wirz die Rollenverschiebungen im Ausstellungsbetrieb, indem er den Schaffensprozess aufteilt und an unterschiedliche Player delegiert. Mit Humor lässt sich auch das ungleiche Verhältnis der Zahl des Künstler im Gegensatz zu ihn betreuenden Kuratorinnen betrachten (1:9). Genauso wie Tropical sowohl in Titel als auch in räumlicher Architektur augenzwinkernd mit dem Klischee des sonnenverwöhnten Brasilianers spielt. Zugleich reflektiert Wirz die Globalisierung der Kunstwelt und ihre heute transkulturellen Vorzeichen, die auch in seiner eigenen Biographie deutlich werden: In São Paulo geboren und aufgewachsen, nutzt er die Vorteile seiner doppelten Staatsbürgerschaft (Brasilien/Schweiz) und studiert Kunst an der Hochschule für Gestaltung und Kunst der FHNW Basel. Nach seinem Abschluss reist er zurück in die Heimat und setzt sich dort mit seiner Identität, seiner künstlerischen Position, der brasilianischen Kunstszene, den Folgen des Tourismus, den Stereotypen über Brasilien und der als Artesanía abgewerteten Kunst indigener und afrobrasilianischer Traditionen auseinander: „Ich interessiere mich für Kollaborationen. Für die Ausstellung im Dortmunder Kunstverein habe ich für meine Arbeitsweise neue Methoden entwickelt“, so Wirz. „Viele Ideen wurzeln in meiner brasilianischen Heimat, in der ich aufgrund meines Studiums in der Schweiz viele Jahre nicht gewesen bin. Diese Ideen habe ich in den letzten Monaten neu wahrgenommen und künstlerisch verarbeitet. Daher auch der Titel Tropical.“

Indem Wirz die Regeln für den Schaffensprozess der Arbeiten vorgibt, lässt er Szenarien entstehen, die er als games bezeichnet – Spielfelder, auf denen die verschiedenen Akteure miteinander agieren. Eine Praxis, die er bereits 2011 in seiner Werkreihe curated sculptures in der Kunsthalle Basel erprobte. Pedro Wirz reflektierte mit der aktuellen Ausstellung nicht nur seine eigene Herkunft, sondern auch die Sichtweisen und Standpunkte der beteiligten neun Kuratorinnen des Aufbaustudiengangs „Kunstkritik und Kuratorisches Wissen“ der Ruhr-Universität Bochum.

KALENDER

Samstag, 29. Juni 2013, 19:00 Uhr
GESPRÄCHSREIHE
Curartist – Der Akteur mit besonderen Voraussetzungen
mit Pedro Wirz, Anne Pöhlmann (Künstlerin, Düsseldorf) und Dorothee Richter (Leiterin des Postgraduate Program in Curating der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich), Moderation: Stefanie Humbert

Mittwoch, 10. Juli und 31. Juli 2013, 13:00 und 17:00 Uhr
KURATORINNENFÜHRUNG

Donnerstag, 1. August 2013, 19:00 Uhr
GESPRÄCHSREIHE
Kollektive Intelligenz: Für neue Spielregeln!
mit Sebastian Freytag (Konsortium, Düsseldorf) und Marcel Hiller (Magicgruppe Kulturobjekt, Aachen), Moderation: Brigitte Dietze

Donnerstag, 15. August 2013, 19:00 Uhr
GESPRÄCHSREIHE
Tropical? – Die Bedeutung der Transkulturalität
mit Monica Juneja (Professorin für Globale Kunstgeschichte, Universität Heidelberg) und Pauline Bachmann (Forschungsgruppe „Transkulturelle Verhandlungsräume von Kunst“, FU Berlin), Moderation: Julia Blehm

Samstag, 24. August 2013, 19:00 Uhr
FINISSAGE
mit der Performance How to loose control (teil#3) von Pedro Wirz

 

Die Ausstellung wurde realisiert mit freundlicher Unterstützung von:

 

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