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26.06.2009 - 26.07.2009

Die vom 25. Juni bis 26. Juli präsentierte Ausstellung führt sechs Kunststudenten von Prof. Bettina van Haaren im Dortmunder Kunstverein zusammen, die in ihrer Unterschiedlichkeit zwei grundlegende Gemeinsamkeiten aufzeigen. Zum einen äußern sich alle sechs Künstler/innen durch die Medien der Malerei und Zeichnung. Zum anderen enthalten die ausgestellten Werke eine narrative Dinglichkeit, die sich in jeder einzelnen Position so differenziert ausdrückt, dass es der „Bedingten Berührung“ bereits widerspricht. Die Positionen sind originell, intensiv, illustrativ, detailliert oder auch formal, grob, spontan, zum schmunzeln und nachdenken. In einer Vielfalt von Darstellungsformen beweisen die Künstler/innen, dass im Jahr der Graphik das Medium noch immer einen außergewöhnlichen Stellenwert besitzt.

Ethem Baris setzt sich zeichnerisch mit Beziehungen auseinander. Auf sehr großformatigem Packpapier finden sich mit Lackfarbe rätselhafte, irritierende, komplexe Figurenkonstellationen. Zwei, manchmal drei Gestalten versuchen, sich zu verbinden. Dies geschieht über Zerren, Drücken, Ineinander-Verwickeln oder auch ein Berühren von weitem. Dabei gibt es kleine Explosionen, müssen Gliedmaßen verlängert werden über Prothesenhaftes oder Greifarme. Trotz aller fehlender Anatomie verfügen die Figuren über ein hohes Maß an Identifikationspotential. Ethem Baris zeichnet aus stark empfundener Körperlichkeit. Er konzentriert sich auf seine Figuren und fügt nur sparsam einige Dinge hinzu, um Raum anzudeuten. So scheinen sie zu schweben oder zu fallen in einem unbegehbaren Hintergrund. Damit erhalten sie etwas Traumhaftes, Irreales. Durch das Wegdrehen der Köpfe oder das Übermalen der Gesichter verschiebt sich die Aufmerksamkeit auf die Körperaktionen. Die sichtbare Prozesshaftigkeit verhindert Eindeutigkeit und verstärkt das Geheimnis in Ethem Baris´ Bildern. Dieser existentielle und bewegende Inhalt wäre wirkungslos ohne die Form. Ethem Baris findet starke Kompositionen, beschränkt sich sinnvoller Weise auf zwei Farbwerte, die er in sprödem Strich aufträgt. Man kann in Ethem Baris´ Bildern lange lesen – die erzählten Geschichten bleiben ohne lineare Lösung, verrückt, intensiv, spannend.

Holger Küper setzt sich mit Biographischem auseinander und entwickelt eine subjektive Mythologie. Die Ergebnisse sind durchgängig figürlich und zutiefst existentiell, mutig, sensibel, skurril, linkisch, expressiv und immer wieder reflexiv zurückgenommen. Der Schmerz, biographisch begründet, ist allgegenwärtig. Aber es gelingt Holger Küper Distanz zu schaffen: über Witz und Ironie (etwa Muster, Wölkchen) oder auch durch gesetzte Verweise auf die digitale Welt. Farbige Differenziertheit kombiniert mit Leichtigkeit vermeidet ein Abgleiten ins Makabre.

Katrin Laupenmühlen untersucht Zusammenschlüsse und das jeweilige Verhalten der Menschen an diesen verschiedenen Orten. Auf großen Leinwänden friert sie agierende Menschen ein und zeigt in diesen Erstarrungen ihre Distanz. Keine Individuen, sondern schemenhafte Gestalten sind durch architektonische Elemente, Wortgebilde oder Strukturen im Raum gehalten. In der dargestellten Fremdheit reflektiert Katrin Laupenmühlen ihr eigenes Ich immer mit. Katrin Laupenmühlen beeindruckt nicht nur durch die eindringlichen Bildideen, sondern auch durch die formale Beherrschung ihrer Bilder. Zarte Lasuren sind mit opaken und mutigen gesprayten Stellen kontrastiert. Gedämpfte Töne prallen auf schrille Leuchtfarbe. Immer wieder gelingt das Wechselspiel von Raumillusion und Flächigkeit, Linearem und Struktur, Abstraktion und Realismus. Durch die Differenziertheit und starken Bildfindungen der Bilder ohne Widergabe von Klischees wird der Betrachter in Bann gezogen und hat lang anhaltende Seherlebnisse.

Jeannette Schnüttgen zeichnet Landschaften - Wald und Berge. Sie verbrachte ihre Kindheit und Jugend im Sauerland, und jetzt gewinnt diese intensive Naturerfahrung an Bedeutung für die künstlerische Arbeit. Ihre Arbeiten führen das ungeordnet Kraftvolle der Natur mit schematisierten Gestalten aus der Tierwelt zusammen. Heftige, gestische Graphitschraffuren machen das Raue, Gewaltige, Unberechen-bare deutlich. Dagegen treten flächig aufgefasste Wölfe, Hasen oder Greifvögel, die aus einer heilen, kindlichen oder märchenhaften Welt zu stammen scheinen. Sie stören die Bewegung durch Statik und der Kontrast verstärkt die Wirkung beider Bereiche. Zentral für die unverwechselbare Wirkung von Jeannette Schnüttgens Zeichnungen ist der Einsatz unterschiedlicher Materialien: weiche Graphitblöcke, harte Bleistifte, der als Zeicheninstrument genutzte Radiergummi, Kohle, Aquarell, die zart rötlich-violette Bister-Tusche, Goldspray und Buntstifte finden sich in unterschiedlichen Kombinationen. Arbeitsspuren, Frottagepartien und bewusstes Finger-Wischen sind zu sehen. Häufig ist eine höchst komplexe Mischung aus Fläche, volumenhafter Gestik und Linearem zu beobachten. Schärfe trifft auf weiche Randbereiche. Die Farbigkeit entwickelt sich aus unterschiedlichen Schwarztönen, von tiefsattem Schwarz der Kohle, silbrigem Bleistift oder grauen Radierzonen, manchmal mit wenig Rot versetzt. Dies gelingt besonders befremdlich-süßlich in der Baumstamm-Streifung und den dahinter angebrachten Baumpilzen, Quallen oder Ufos. Sowohl die zeichnerische Vorgehensweise als auch die Raumauffassung sind eigenwillig und überzeugend. Jeannette Schnüttgen verwendet Schablonen, die ihren dynamischen Strich auf einer Seite scharf abbrechen lassen. Gestisch streicht sie über Ausgestanztes oder Papiertiere hinweg. Dieses Stilmittel führt zu notwendiger Brüchigkeit und Verstörung. Die bedrohlich, massive Natur wird kultiviert und erhält ironische Distanz.

Katharina Tewes sucht Orte zur Selbst-Erkundung auf. Sie erinnert Erlebtes, registriert im Spiegel, erfühlt sich, zählt Gesehenes direkt auf. Dabei zeigt sie sich im Gegenüber oder an sich hinunterblickend und verschmilzt mit ihrer Umgebung. Ein ständiger Proportions- und Perspektivwechsel, Überlagerungen, neue Raumschichtungen und eine zwischen Expressivität und sachlichem Aufzeichnen changierende Strichführung erzeugen eine beeindruckende Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten. Katharina Tewes beschränkt sich auf den Bleistift als Zeichenmittel und dies erscheint richtig, wenn man sich die ungeheure Diversität an Raumlösungen, Abstraktionsgraden, Blickwechseln und Strichführungen vor Augen führt. Ähnlich groß ist der inhaltliche Rahmen: befremdlicher Witz, Nachdenken über das Sichtbare und existentielle Aussagen finden sich in der fast Tagebuch-artigen Sammlung.

Annika Weber setzt sich zeichnerisch und vor allem malerisch mit ihrem Selbst auseinander. Während sie sich in einem Teil auf einen Ausschnitt des eigenen (nackten) Körpers konzentriert und sich diesem hoch sensibel und existentiell nähert, findet sich in den anderen Arbeiten eine souveräne Bewältigung des Bildraumes. Alle Arbeiten zeigen Verletzlichkeit, sind tief berührend und gleichzeitig im malerischen Vortrag unverkrampft und farblich differenziert realisiert. Annika Weber nutzt für ihre Arbeit unterschiedliche Quellen. Sie beobachtet sich und nimmt mögliche Positionen ein. Zusätzlich verwendet sie Fotos von eigenen Körperhaltungen oder aus der Kindheit. Zu diesen Selbstinszenierungen treten Dinge aus der Botanik, aus der Tierwelt und Schnüre oder Netze, die ihr vorliegen. Parallel dazu ist ihr die gedankliche und sprachliche Durchdringung des inhaltlichen Anliegens fundamental wichtig. Die Philosophie wird zum Impulsgeber, wobei die Bilder jedoch nicht Welt erklärend sein wollen, niemals klischeehaft Sprache in Bild übersetzen. Annika Weber klebt nicht an einer Beschreibung der Gegenständlichkeit.

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