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24.05. - 13.07.2008

Das Phantastische, Irrationale spielt in der österreichischen Kunst der Moderne eine entscheidende Rolle, ebenso wie der Protest gegen das Establishment, die Auflehnung des Individuums gegen eine Gesellschaft, von der es sich lossagt. Dabei ist die aktuelle Kunst in Österreich mehr denn je auf die Analyse gesellschaftlicher Kontexte bezogen. In der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, der Relevanz von Wissenschaften, Technik und Ökonomie, werden Möglichkeiten utopischen Handelns untersucht und gleichzeitig aus einer Position der Skepsis heraus dekonstruiert.
Im Rahmen der 39. internationalen Kulturtage der Stadt Dortmund, scene:österreich in nrw, sind mit Anne Schneider und Michaela Math im Dortmunder Kunstverein zwei individuelle Positionen zeitgenössischer Kunst aus Österreich vertreten, welche die Bandbreite der künstlerischen Strategien und den Variationsreichtum der bildnerischen Formen vorstellig machen, die sich in diesem Spannungsfeld ausdifferenziert haben.
Anne Schneider
Anne Schneiders Werk ist von akzidentieller Leichtigkeit und essentieller Dichte. Ihre ephemeren Skulpturen sind prekäre Kreaturen auf der Schwelle zwischen Formation und Deformation. Der körperliche Raum wird gedehnt, gedrückt, gefaltet, gezogen, nach außen gestülpt oder nach innen gekehrt. Im Rückgriff auf Giacomettis expressive Skulpturen wird der menschliche Körper, bestehend aus wächsernen Knoten und Schlaufen, Nischen und unzugänglichen Hohlräumen, weiter bis zur Decke des Raums gestreckt, um von dort als Pendel herabzuhängen.
Der physische und psychische Raum, die Suche nach den zeitlichen Spuren und Ablagerungen, die seine Struktur bestimmen, bildet das konzeptuelle Bindeglied der vielteiligen Installation. Mit einfachen Gesten werden Objekte in scheinbarer Beiläufigkeit miteinander verbunden. Die Dinge und Bilder verknüpfen sich rhizomatisch, sie lassen divergente und heterogene Aussageverkettungen zu, die kontingent erscheinen und zugleich ein vielschichtiges Sinngefüge zwischen den künstlerischen Medien aufscheinen lassen.
So haben sich an den „Körperpendeln“ verlorene Alltagsgegenstände als „abgelegte Zeit“ niedergeschlagen. Ein gefundenes Regal reproduziert sich in anderer Proportion. Das leere Metallgerippe enthält nichts als einen Spiegel, auf dem eine Weinrebe vergessen wurde. Oder handelt es sich um eine Rekonstruktion? Ein fragmentarisches Objekt, das die Flüchtigkeit der Zeit formal und symbolisch ins Zentrum der Betrachtung rückt. Eine Installation aus zwei schlichten weißen Rankengittern, die durch ein geknotetes Tuch verbunden sind, trägt den Titel: „The girl who likes minimalism and flowers“.
Auch Anne Schneiders Videoarbeiten entstehen meist zufällig, heften sich an Vorgefundenes, gleichen sich dem Einzelnen an, um gerade darin ein Allgemeines hervorscheinen zu lassen. „Mimesis“ zeigt eine idyllische Szene vergnügter Kinder in einem Wasserbassin im Pariser Parc des Buttes-Chaumont. Das Video analysiert zugleich die Rolle nachahmenden Verhaltens bei der Herausbildung von Handlungsmustern und bei deren Auflösung. Das Spiel von kontingenter Setzung und Reproduktion, von Erneuerung und Zerfall sozialer Strukturen wird sinnfällig in einer kurzen filmischen Notiz, aus der Hand gedreht, im Hochformat, da die vorgefundene Situation diesen Bildausschnitt verlangte.
Michaela Math
Natur, bzw. das Bild der Natur ist überall präsent: Landschaftsgemälde, Urlaubsfotos, Tapetenmuster, anatomische Darstellungen, etc. sind konventionelle Repräsentationen von Natur und dienen dazu, das Verhältnis zu ihr zu definieren, zu entschärfen, und Ordnung in das Chaos zu bringen. Die künstlerische Zeichnung ihrerseits kann solche Konsens-Formate unterlaufen, umkehren, über-zeichnen. Michaela Maths Tuschezeichnungen haben vegetativen Charakter und wecken zunächst naturalistisch-landschaftliche Assoziationen. Doch die schwarzen Linien verdichten sich in vielen Schichten gleich einem wuchernden Gewächs zu einem undurchdringlichen Dickicht, das die Imagination herausfordert und das Unsichtbare evoziert.
In der textilen Skulptur, die die Künstlerin den Tuschezeichnungen gegenüberstellt, verknüpfen sich schwarze Bänder im Raum wie von der Schwerkraft gezogene Linien. Von der Luft bewegt löst sich ihre regelmäßige Anordnung in einen veränderlichen Körper auf, der für Momente immer neue, flüchtige Schatten-Bilder erzeugt.
Auch Michaela Maths Bleistiftzeichnungen stellen Wahrnehmungsfragen. Ihre auf großformatigen Leinwänden augebreiteten malerischen Landschaftspanoramen, die einen weiträumigen simultanen Überblick zu gewähren scheinen, erweisen sich aus der Nähe betrachtet als Ergebnis eines unüberschaubar langwierigen Prozesses, in dem sich unzählige Schichten feinster Graphit-Schraffur übereinander gelagert haben, um sich nach und nach zu alpinen geologischen Formationen aufzufalten.
Auf wieder andere Weise führt uns die Künstlerin in ihren Papierarbeiten die Fehlbarkeit und Vorläufigkeit unserer Begriffe vor. Die feinen Linien, aus denen sich gegenständliche Assoziationen formen, bilden ein Gespinst - ein halbtransparentes Netz, in dem sich der fixierende Blick verfängt, um sich darin zu verlieren. Daneben finden sich klar fixierte Objekte, in transparenten Polyesterharz gegossen, oder hinter Glas, deutlich konturiert und zentral auf dem Träger platziert. Die Art und Herkunft der Präparate in diesem Kabinett hingegen bleibt unbestimmt: es sind natürlich-künstliche, hybride Daseinsformen, die sich den geläufigen Ordnungskategorien entziehen; rätselhaft schöne, filigrane Monstren, deren Namen sich bei der Betrachtung auflösen.
Anne Schneider
Michaela Math
Fotos: Sabitha Saul
Anne Schneider, geb. 1965 in Enns/Ober-Österreich, lebt und arbeitet in Wien. Studium an der Akademie der Bildenden Künste Wien, Meisterklasse Michelangelo Pistoletto (1996).
Michaela Math, geb. 1968 in Klagenfurt/Kärnten, lebt und arbeitet in Wien. Studium der Malerei und freien Grafik an der Hochschule für Angewandte Kunst Wien. Diplom (1999) bei Prof. Mario Terzic.
Beide Künstlerinnen werden vertreten durch die Christine König Galerie Wien. http://www.christinekoeniggalerie.com/
Termine:
08.05. / 15.05. -20 Uhr, 17.05. 12-15 Uhr: Jugendzimmer 3. Ausstellungsbegleitender Workshop für Jugendliche
Die Ausstellung "in deiner gegenwart" fand statt im Rahmen der 39. Internationalen Kulturtage der Stadt Dortmund, scene:österreich in nrw, und wurde gefördert vom

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