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ARCHIV / 2007 - Ausstellungen / Geography is dead. Helmut & Johanna Kandl

In reportagehaften, spröd-realistischen, fahl-bunten Tempera-Bildern, Fotos und Videos verarbeitet das Künstlerpaar Eindrücke, die auf Reisen nach Tiflis, Baku oder Belgrad, vorzugsweise in exkommunistische Länder mit schockartig implantierter Marktwirtschaft entstanden sind.

Auf Johanna Kandls Gemälden sieht man immer wieder Menschen beim Feilschen, beim Anbieten von Waren, beim Wühlen auf improvisierten Tischen, beim Herumstehen in der Kälte, beim Aufbau von Warrenarrangements. Die reportagehaften, spröd-realistischen, fahl-bunten Tempera-Bilder basieren auf Fotos, mit denen das Künstlerpaar auf Reisen nach Tiflis, Baku oder Belgrad, vorzugsweise in exkommunistischen Ländern mit schockartig implantierter Marktwirtschaft, Begegnungen und Alltagsszenen festhält. Und zwar zumeist auf Märkten oder besser an den Rändern, dort, wo die regulierten Zonen von Märkten ins Unregulierte übergehen, wo Wirtschaft und Überlebensimprovisation ununterscheidbar werden. In Belgrad etwa ist es ein undefiniertes, unwirtliches Terrain unter einer Straßenbrücke, Autos mit offenen Türen ersetzen hier Marktstände, manche Händler breiten ihr abstruses Kleinzeug auf Planen aus, Hunde streunen. Oder in Russland, ein paar selbstgenähte Kleider und ein Teddybär auf einem Brett gleich neben dem Auto oder Frauen, die in langer Reihe stehen und Obst und Gemüse anbieten. Über solche Szenen hat die Malerin Textbalken geknallt, mit Slogans und Zitatfetzen wie Lohnende Geschäfte, In Hohlräumen versteckt, Everyone is a potential winner oder Your company should be a microcosmos of the global marketplace. Derartige Sprüche entnimmt Johanna Kandl dem Jargon von Manager-Handbüchern, von denen es im Atelier der Kandls eine stattliche Kollektion gibt und die in Ost- und Südosteuropa Bestseller der Sehnsucht sind, aber auch aus Wirtschaftszeitungen oder aus Erfolgsratgebern. Das Bild einer dem Betrachter zuwinkenden Vietnamesin auf einem der sogenannten Vietnamesenmärkte wird mit einem Satz aus Matthias Horx’ Buch Smart Capitalism konterkariert: Ungleichheit kann gewaltige Energien freisetzen.

Natürlich haben solche Kollisionen zwischen Bild und Text eine polemische Funktion. Klar wird, dass Menschen und Slogans verschiedenen sozialen Wirklichkeiten angehören. Andererseits braucht man, und das ist Johanna Kandl wichtig, wenn sie vom Leben auf vogelfreien Märkten berichtet, in der sogenannten Schattenwirtschaft mindestens so viel strategische Intelligenz wie in den Vorstandsetagen. Diese Leute haben alles, was Manager brauchen, sagt Johanna Kandl: Flexibilität, Risikobereitschaft, Kundenorientiertheit – und vor allem Tapferkeit. Kandls osteuropäische Mikrohandelsszenen zeigen nicht so sehr Deklassierte, auch wenn manche der Tandler früher Lehrer oder Techniker gewesen sein mögen, sondern Menschen, die mit Kompetenz einer durchaus geregelten Tätigkeit nachgehen.

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Abb.: courtesy Christine König Galerie, Wien