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Schnitt- und Bruchstellen zwischen unterschiedlichen künstlerischen Positionen stehen im Zentrum des Ausstellungsprogramms des Dortmunder Kunstvereins. Nicht eine bestimmte Technik, ein festgelegter Standpunkt oder eine künstlerische Strategie werden verfolgt, sondern gerade die Möglichkeit, Übergänge und Austauschsituationen zu schaffen.
In diesem Sinne soll in einer Sequenz von zunächst zwei Ausstellungen der Fragestellung nachgegangen werden, wie sich in der aktuellen Kunst Fotografie, Video und Malerei wechselseitig beeinflussen.
In der Nachfolge von Gerhard Richter finden Maler in der fotografisch wiedergegebenen Wirklichkeit einen direkten Ausgangspunkt für ihre Arbeit. Einen Anknüpfungspunkt hierzu bietet zwar die Position des Fotorealismus in der Malerei, doch in der Gegenwart werden neue Gewichtungen vorgenommen. Es geht nicht mehr primär darum, den Standpunkt und Blickwinkel des Fotografen in einer Mimesis anzueignen, um eine entsprechende Umwertung in der Wahrnehmung von Wirklichkeit vorzunehmen und gleichzeitig den Objektivitätsanspruch der Fotografie zu hintergehen. Fotorealistische Methoden werden angeeignet, um die Komponenten von Wirklichkeit grundsätzlich neu zu interpretieren und die sichtbare Wirklichkeit auch im Hinblick auf ihre zunehmende Virtualisierung zu hinterfragen.
Umgekehrt stellt sich die Frage, in wieweit auch Malerei für die Fotografie eine Anregung oder Erweiterung bieten kann. Die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Malerei bewegt sich um die Oberfläche der Fotografie, die durch Druckverfahren, das Zitieren von malerischen Elementen oder aber die Irritation des jeweiligen Abbildes durch ein frontales Blitzlicht einen Eigenwert gleichsam als „Haut“ gewinnen kann. Partielle Übermalungen, Verwischungen der Faktur oder aber eincollagierte Elemente leiten die Wahrnehmung von der inhaltlichen auf die strukturelle Ebene des Bildes um. Auch das Motiv gewinnt einen neuen Stellenwert, wenn es gezielt für den Moment der Aufnahme inszeniert oder aber auf digitalem Wege in völlig neue kompositorische Ordnungen eingebracht wird.
Die Untersuchung zu Schnittstellen von Fotografie, Videokunst und Malerei befördert gleichzeitig die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Ebenen der Wirklichkeit und deren Wahrnehmung. An dieser Verschlüsselungsstrategie setzt der Titel des Projekts – „in flagranti“ – an.
Dirk Braeckman zielt in seiner Fotografie auf Doppeldeutigkeiten, um deren Sichtweise als „Fenster zur Wirklichkeit“ grundlegend in Frage zu stellen. Das Material für seine Bilder entnimmt Braeckman seiner unmittelbaren Umgebung, die er nicht systematisch erkundet, sondern in Zufallsmomenten auf einer eher intuitiven Ebene dokumentiert. Seine Bilder umkreisen das, was eben nicht porträt- oder abbildhaft wiedergegeben, vielmehr emotional als Traum- oder Stimmungsbild erfasst werden kann. Die Arbeit von Braeckman besetzt die Übergangszone zwischen Verschleierung und Darstellung. Um das Motiv in Distanz zu rücken, bevorzugt er die s/w-Fotografie und ein aufgerautes Fotopapier, das dem Bild eine haptisch wirksame Oberfläche verleiht. Frontale Blitzlichter, Unschärferelationen und Verunklärungen des Blickwinkels schaffen eine Wirkung von Ungewissheit und Unbestimmtheit, die bis in Bereiche völliger Abstraktion vorstoßen kann.
Es vermittelt sich eine magisch-geheimnisvolle Atmosphäre, die den Betrachter gerade durch die Abwesenheit von Akteuren in die Rolle des Voyeurs drängt. Das bühnenhafte Szenario legt ihm nahe, die sichtbaren Details und Versatzstücke mit einem rätselhaften, kaum zu durchdringenden Geschehen zu verknüpfen.
Den Ausgangspunkt der Arbeit von Eric Jan van de Geer bilden Farbfotografien, die in unterschiedlicher Weise mit Bildbearbeitungsprogrammen, mit malerischen Mitteln oder durch Druckverfahren nachbearbeitet werden. Auch er entnimmt die Motive dem alltäglichen Leben: er präsentiert einen abgenutzten Sessel, eine Lampe, einen Herrenanzug, einen bloßen Gartenzaun oder eine Blumenrabatte. Eric Jan van de Geer baut sein Bild in Schichtungen auf, indem er durch Ausdrücke auf Folien das Motiv zunächst in verschiedene Ebenen zergliedert. Im Druckverfahren der Serigraphie führt er diese Ebenen erneut zusammen, um gleichzeitig Verschiebungen und Verfremdungen einzubringen. Durch Überblendungen und weitere Schichtungen provoziert er Wahrnehmungen räumlicher Tiefe, denen andererseits Akzentuierungen der Oberfläche des Bildes durch flächenhafte Wirkungen entgegenstehen. Eric Jan van de Geer zielt auf ein Spannungsfeld zwischen den Objekten, die er wie in einem Schnappschuss fokussiert, und dem Umraum, in den sie hinein gestellt sind. Durch Flecken und Irritationen der Oberfläche sind die Objekte in ihrer dinghaften Präsenz in Frage gestellt, durch Leerstellen und Störungen in Zustände der Auflösung und Verflüssigung versetzt, andererseits aber auch in einen durch Licht- und Schattenzonen rhythmisierten Kontext eingefügt. Aufdrucke in Holzschnitt-Technik, mit Stempeln oder im Siebdruckverfahren geben der Faktur der Fotografie als „Haut“ eine haptische Wirkung, die in ihrer Unmittelbarkeit den gegenständlichen Bezug des Bildes zurück treten lässt. Indessen gewinnen die jeweils wiedergegebenen Dinge gerade durch diese Irritationen eine Eindringlichkeit, die sie uns nicht nur in bildhafter Qualität, sondern als uns persönlich betreffende Gegenstände mit Spuren und Zeichen von Gebrauch und Vernutzung vor Augen führt.
Michael John Whelan zeigt in seinen Videoarbeiten einen festgelegten Bildausschnitt, der dem Betrachter einen unbeweglichen Stand- und Blickpunkt zuweist. Whelan greift in keiner Weise durch Inszenierungen oder Veränderungen in die vorgefundenen Szenen ein. Der Künstler hält sie fest, so wie er sie vorfindet, um den jeweiligen Ort und sein Verhältnis zu diesem zu dokumentieren. Seine Arbeiten stellen Plätze aus unserer Umgebung dar, so wie sie ganz gewöhnlich und doch in einer nicht zu bestimmenden Weise fremd erscheinen. Der jeweils gewählte Rahmen beinhaltet immer die Möglichkeit eines überraschenden, in das Bild tretenden Geschehens. Klimatische Phänomene wie Nebel, Luftfeuchtigkeit oder Dunst verunklären die räumliche Situation. Das zunächst nahezu statisch erfasste Bild wird dann ganz allmählich durch einen beiläufigen, in keiner Weise spektakulären Ablauf aufgebrochen. Eine Handlung rückt ins Zentrum der Wahrnehmung, die unter gewöhnlichen Umständen vollständig übersehen worden wäre Über einen Steg bewegen sich etwa in bedächtigen Bewegungen Badende in einen See, um hier schwimmend einige Runden zu drehen und das Wasser dann langsam wieder zu verlassen. Das graduelle Erscheinen des Badenden in den eng gefassten Rahmen ist zwar eigentlich nicht sehr bedeutsam, gefriert in dieser Fokussierung jedoch zum fruchtbaren Augenblick, der in seiner Verdichtung eine ganze Sequenz von Bildern und Verknüpfungen zu assoziieren gibt. Eine der in den See steigenden Gestalten hebt bei der ersten Berührung – wie schockiert – den Arm hoch, was auf eine recht kalte Temperatur und ein nordisches Klima schließen lässt. Doch letztlich bleibt die konkrete Verortung irrelevant für die Szene. Im Vordergrund steht die bildhafte Wirkung des erfassten Augenblicks, der zwischen Stillstand und subtiler, letztlich umkehrbarer Veränderung dem zeitlichen Fluss enthoben zu sein scheint. Von besonderer Intensität ist hierbei die Empfindung von Abwesenheit. Dem Betrachter zeigt sich eine Szene, aus der die menschliche Gegenwart im wörtlichen Sinne ausgeblendet ist, die jedoch durch ihre radikale Leere und das bloß beiläufige Erscheinen des Menschen eine Dimension des Narrativen offenbart.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen zum Preis von 10,00 €
Mit freundlicher Unterstützung von

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